Wir leben hier in einem recht liberalen Land. In vielen Dingen ist man sogar äußerstes progressiv. Vor allem wenn es um Frauenrechte geht oder um Homophobie, positioniert man sich seitens der Politik recht deutlich. Auch wenn zum Beispiel das Wahlvolk in Tazacorte auf den ersten Blick recht konservativ wirkt, zeigt die Verwaltung, und das auch über Pateigrenzen hinweg gerne Haltung, vor allem wenn es um die Rechte der LGBQ-Gemeinschaft geht. Der Regenbogen ist gewissermaßen zur neuen Flagge des Ortes mutiert, obwohl es natürlich auch die Vermutung gibt, dass es sich bei der ganzen Geschichte auch ein wenig um Marketing für das Love-Festival handeln könnte. Wenn Sie mit dem Auto nach Los Llanos fahren, dann kommen Sie an Kreisverkehr beim Schulzentrum an einem lila Schild vorbei, auf dem sich die Gemeinde Los Llanos gegen sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen positioniert, versehen mit einem Stadtwappen. Da kann sich die Weinkönigin aus dem Bundestag mal ein Scheibchen abschneiden. Nachdem vor zwei Jahren eine der Regenbogenfarbenen Bänke in Los Llanos mit homophoben Sprüchen beschmiert waren, gingen nicht nur die Verbände an die Presse, auch die Gemeinde hat sich lautstark geäußert. Mann kann den Blick auch über den palmerischen Tellerrand hinausrichten. Die Tatsache, dass sich 2020 der Covid so zackig verbreiten konnte, hing nach Untersuchungen auch mit den Großdemonstrationen am 8. März zusammen. In vorderster Linie marschierte da fast die komplette Regierungsmannschaft im Demonstrationszug zum Weltfrauentag. Allerdings ist auch Spanien nicht vom globalen Rechtsruck befreit und die Francisten von VOX haben massiven Zulauf. Und auch der offene Rassismus greift immer mehr um sich. In den sozialen Medien geht gerade richtig die Post ab, befeuert von Propagandisten vom ganz rechten Rand, die gut aufgepasst haben, wie AFD und MAGA-Kasper das schon seit Jahren erfolgreich betreiben. Jetzt kommen wir zu einem Problem, dass für den deutschstämmigen schwer zu verstehen ist. Während es in Deutschland zumindest in den halbwegs vernunftbegabten Kreisen üblich ist, sich gegen rassistische Äußerungen zu positionieren, ist das hier komischerweise nicht der Fall. Die Gründe sind aber auch nicht ganz einfach zu verstehen. Zum einen pinkelt man dem anderen hier nicht ans Bein. Das ist gesellschaftlich nicht wirklich akzeptiert. Wenn einer eine andere Meinung hat, dann hat der die halt, aber ich komme mit dem dennoch einigermaßen zurecht. Das kann gesellschaftlich für den Zusammenhalt durchaus förderlich sein, gerade wenn man sich die momentane Spaltung in anderen Gemeinschaften anschaut. Ob es deswegen in Ordnung ist, rassistische Äußerungen zu tolerieren, das steht auf einem anderen Blatt. Der Grund liegt sicher auch am friedlichen Übergang von der faschistischen Diktatur zur Demokratie, der in Spanien ja noch gar nicht so lange her ist. Erst in den letzten Jahren hat man auch öffentlich mit der Aufarbeitung begonnen und setzt sich mit der Vergangenheit aktiv auseinander. Hier auf La Palma ist das Denkmal an der Pinie in Fuencaliente ein Beispiel hierfür. Die Toten die dort ausgegraben wurden, sind eben nicht Opfer des Bürgerkriegs, sondern von Francisten ermordete Gefangene, die dort hingerichtet wurde. Dieser Aufarbeitungsprozess stößt vor allem bei den rechtsradikalen in Spanien nicht gerade auf Gegenliebe und sorgt bei VOX tatsächlich auch für denen Stimmenzuwachs. Hier auf den Kanaren hatten die Spinner bislang einen recht schweren Stand. Wir brauchen ja gar keine spanischen Nationalisten, wir haben ja die kanarischen. Aber auch hier gewinnen die immer mehr an Stimmen und Unterstützung. Die Tatsache, dass auf den Inseln recht viele Flüchtlinge über die Atlantikroute ankommen, wird von den Arschgeigen auch immer mehr instrumentalisiert. Auf Teneriffa tauchten in den letzten Monaten verstärkt Aufkleber an den Straßenlaternen auf, auf denen durchgestrichene Kakerlaken zu sehen sind. Diejenigen, die da kleben, sind aber gar keine Kammerjäger, sondern man meint da was ganz anderes damit. Auf unserer kleinen Insel kam bislang nicht allzu viel vor, was in diese Richtung ging. Jedenfalls bekommt man das nicht wirklich mit, außer dass es hier schon immer in bestimmten Kreisen üblich war, sich abfällig über Menschen aus Marokko zu äußern. Gestern veröffentlichte aber elperiodicodelapalma.es einen Bericht zu einer Gemeinderatssitzung in El Paso. Hier prangerte Bryan Martin von der oppositionellen PSOE, dass es wegen der rassistischen Schmierereien bislang nicht zu Konsequenzen gekommen sei. Zwar habe sie Polizei Ermittlungen angestellt, aber es sei bislang nicht zu einer Anklage gekommen, obwohl im Prinzip doch bekannt sei, wer dahinter stecken würde. Im ersten Moment lässt einen diese Meldung etwas ratlos zurück. Welche Schmierereien, und wo. Warum hat das keiner mitbekommen, und warum berichtet darüber niemand? Das sind die ersten Fragen, die einem durch den Kopf gehen. Wenn man den Artikel durchliest, dann sträuben sich einem die Nackenhaare. Es sind nämlich nicht nur irgendwelche Hackenkreuze oder SS-Runen. Wichtig ist zu verstehen, wo da gesprüht wurde. Nämlich an eine Sozialwohnung der Gemeinde, gegenüber der Kirche, in der Menschen aus Marokko leben. Zusätzlich noch mit dem Wort “Moro“ (Schimpfwort für Marokkaner) versehen. So gesehen kann man das durchaus auch als offenen rassistischen Angriff werten, was in Spanien, auch in verbaler Form, unter „Hassverbrechen“ läuft und im Normalfall konsequent geahndet werden sollte. Dass es hier rassistische Arschlöcher gibt ist bekannt. Man sieht manchmal Jugendliche im Supermarkt mit T-Shirts der Division Azul (spanische Freiwilligeneinheit die im zweiten Weltkrieg auf deutscher Seire in Russland dabei war) und auch in der Schule gibt es wohl Probleme mit Jungpupertierenden, verbunden mit Klagen, dass da von Leitungsseite recht wenig dagegen vorgegangen wird. Das wirklich Schlimme an dieser Geschichte ist aber aus meiner Sicht der Umgang der Gemeinde damit. Die Schmierereien wurden recht schnell übermalt und keiner hat etwas mitbekommen. Warum schafft man es nicht, sich in einem Dorf (hier wohnen wenig Menschen), zeitnah zu so etwas zu positionieren und öffentlich zu verurteilen? Dass man vor allem positive Schlagzeilen will, ist ja bekannt, und die Presse macht da auch nicht wirklich etwas von sich aus. Im jetzigen Bericht beklagt sich der Abgeordnete der PSOE auch noch über weitere rechtsradikale Schmierereien und Angriffe mit Eiern an der Parteizentrale im Dorfes. Das ganze 5 Monate nach den rassistischen Schmierereien an der Haustüre. Auch im Park käme es immer wieder zu Schmierereien mit rechtsextremen Symbolen, und man müsse dabei auch bedenken, dass dies ein Angriff auf Gemeindeeigentum sei. Es werden also die Haustür von Bewohnern des Dorfes beschmiert, diese werden dadurch aktiv bedroht, aber wir appellieren an die Sensibilität, weil Gemeindeeigentum verunstaltet wird, anstatt den menschenverachtenden Rassismus öffentlich zu brandmarken? Warum bleibt das aus? Hat man etwa Angst um den sozialen Frieden und bekommt man nicht mit, dass es eben die Rassisten sind, die diesen gerade zerstören? Warum berichtet niemand über das, was da in unserem Dorf passiert oder erst Monate später von einer Zeitung dessen Macher politisch ganz weit links steht? Unten im Artikel steht noch, dass sich der Bürgermeister Eloy Martin bei der Guardia Civil für die Ermittlungsarbeit bedankt und fordert die Bürger des Ortes auf, bei weiteren Schmierereien Anzeige zu erstellen.

