Gastbeitrag von Administrator
Der folgende Text stammt von Claudia Gehrke:
Ungefähr 1982, ich war vielleicht das zweite Mal überhaupt auf La Palma, lernte ich Hedda Wortmann kennen. Wir arbeiteten an einem Buch. Sie übersetzte alle Texte dieses zweisprachigen, von Simone Eigen, Wulf Göbel und Juan M. Castro zusammengestellten La-Palma-Buchs, des ersten Buchs überhaupt über die Insel (erschienen ist es 1985, vor 40 Jahren, und 2021 (in Druck gegangen zwei Tage vor Beginn des Vulkanausbruchs), eine erweiterte Neuausgabe unter dem Titel „Literarisches La Palma Lesebuch / Viaje literario por La Palma“).
Eine resolute Frau, die allein ihr Leben hier meisterte und viel über die Insel und die Palmeros zu erzählen wusste, und das ziemlich unterhaltsam. 1974, nach Sprachstudium und Ausbildung zur Ballettlehrerin, war sie auch auf die Insel gezogen (geplant war zusammen mit ihrem Ex., doch die Beziehung war nicht gut, sie trennten sich). Durch Besuche der Eltern kannte sie die Insel zu dem Zeitpunkt schon einigermaßen gut. Hedda Wortmanns Eltern wollten in den 1960ern nach Teneriffa auswandern. Doch dort, wo sie eine Wohnung gemietet hatten, wurde in der Zeit, in der sie einzogen, alles zugebaut; sie wollten nicht bleiben und reisten auf die kleinen kanarischen Inseln, um einen anderen Ort für sich zu suchen. Sie verliebten sich (wie viele) auf den ersten Blick in La Palma, fanden ein altes Haus und bauten es zu ihrem Wohnhaus um. Bald verführte ein schöner Hügel gegenüber zum Bau eines neuen Häuschens, und im alten Haus eröffneten sie ca. 1971 das erste von Ausländern geführte Restaurant auf der Insel: Méson La Finca (dort, wo jetzt das Restaurant San Petronio (am Rand von Los Llanos) ist). Und sie bauten eine Minigolfanlage (das gab es damals nicht auf der Insel) in den Restaurantgarten. Hedda half ihren Eltern. Ihr war wichtig, richtig gut Spanisch zu lernen, um mit den redefreudigen Canarios mithalten zu können. Ihre Meinung: Bedingung für ein glückliches Leben in einem nicht muttersprachlichen Land seien Sprache und Freundschaften. Und so baute sie von Beginn an viele intensive Freundschaften mit Palmeros auf. Das Restaurant war ein idealer Ort zum Lernen des „palmerischen Spanischs“, und es war zum Zentrum sangesfreudiger Palmeros geworden, und so konnte sich Hedda auch ein enorm großes Repertoire an kanarischen, spanischen und südamerikanischen Liedern aufbauen.
Kurz nach ihrem Umzug auf die Insel war sie zum Patronatsfest 1974 nach Tazacorte eingeladen worden, um dort eine Ballettaufführung zu geben. Bei ihrem ersten barfüßigen Tanz stellte sie entsetzt fest, dass die Raufaserplatten mit der rauen Seite nach oben ausgelegt waren, der Spitzentanz mit blutenden Füßen wurde zur Höllenqual. Sie gab trotzdem ihr Bestes, und wurde daraufhin gebeten, in der von Nonnen geführten Schule Nazareth in Los Llanos Ballett zu unterrichten. Bald darauf gab es eine Aufführung ihrer Schülerinnengruppen im Rahmen eines Schulfestes auf dem Fußballplatz. Statt des versprochenen Plattenbelags lagen diesmal lose Plastikbahnen auf der Erde, und sie wehten im Wind davon … So tanzten die Mädchen in der Erde von Los Llanos. Dann eröffnete sie ihre eigene Ballettschule. Mit ihren Gruppen hatte sie Inselweit viele Auftritte und bereicherte die Inselkultur. Und sie fand ein altes Häuschen in El Paso für sich; ihre Eltern waren, ich weiß nicht wann genau, vermutlich schon Ende Siebziger, Anfang der 80er gestorben. Zugleich ergänzte sie ihre Sprachausbildung um das Staatsdiplom in Spanisch, und begann, zusätzlich als Sprachlehrerin zu arbeiten, unterrichtete Deutsch, Spanisch und Englisch. Sie war, soweit ich weiß, die Erste, die im Aridanetal Deutsch unterrichtete. Ihre Sprachschule war wie auch die ballettschule in Los Llanos. Viele Mitarbeiter der Gastronomie und Autovermieter der Zeit erwarben ihre ersten Deutschkenntnisse bei Hedda, und Deutsche, die hier dauerhaft leben, und deren Kinder lernten Spanisch. Sie sei eine ungewöhnlich strenge, manchmal in der Erinnerung viel zu strenge, aber gute Sprachlehrerin gewesen, hörte ich von inzwischen längste erwachsenen Kindern, die bei ihr im Unterricht waren. Von Wulf Göbel aufgeschrieben flossen ihre Inselkenntnisse in vergnüglich zu lesende Anekdoten in das La-Palma-Lesebuch ein, und auch einige Fotos aus den 70ern. Später, als sie die Schulen in Los Llanos schloss, unterrichtete sie In ihrem Haus weiter. Ein sehr geselliges Haus, viele Gäste wurden dort köstlich von ihr bewirtet. Auf unseren zweisprachigen Veranstaltungen im La Luna, Casa Massieu, diversen Casas de la Cultura und im Teatro Chico (seit 2005 gibt es diese) hat neben dem Theatermann Antonio Abdo (gestorben 2023), mit dem sie befreundet war, auch Hedda oft mit vorgelesen. Ein Genuss, ihr zuzuhören.
Vor einigen Jahren erkrankte sie. Nach einer Strahlentherapie, die ihren Krebs geheilt hatte, hatte sie Schlaganfälle. So waren ihre letzten Jahre leider furchtbar. Im Kopf noch voll dabei, aber sie konnte sich nur so rudimentär unterhalten, dass es vielen Menschen zu mühsam wurde, sie zu besuchen. Sie war eine wunderbare Frau, wenn auch manchmal, das sei nicht verschwiegen anstrengend und fordernd. Ich denke, so musste sie vielleicht sein, resolut und entschieden, wenn sie sich allein durchs Inselleben bewegte. Ihr großes Netzwerk aus palmerischen Freundschaften, auch Liebesgeschichten waren darunter, hatte sich durch Todesfälle etc. stark reduziert. Glücklicherweise blieben in der letzten Zeit noch wenige Freundinnen, die sie besuchten, sie nach draußen mitnahmen, mit ihr Dinge erledigten. Sie wurde von einem Pflege-Ehepaar aus Venezuela betreut. Zuletzt hatte das Paar sie ins obere Stockwerk ihres alten, schön renovierten Hauses verfrachtet, um sie nicht mehr immer die wackelige Wendeltreppe ins Bad hochtragen zu müssen, und die gefährliche Treppe abgesperrt, damit sie nicht abstürzen konnte. In dieser allerletzten Zeit kam sie nie mehr nach draußen. – Und nun ist sie, wie ich erst vor Kurzem erfahren habe, dort gestorben. Das Ehepaar hatte niemanden informiert, sie schnell begraben – Den genauen Todestag wusste niemand, den ich kenne. Wir werden den Friedensrichter in El Paso fragen müssen …
Was immer auch nach dem Tod ist, von Staub und Knochen bis Weiterleben der Seele (ich weiß nicht, wie sie selbst vom Tod dachte, ich weiß nur, wie traurig sie war in der letzten Zeit über diese Art zu leben, als eine Frau die immer in Bewegung war –), ich wünsche ihr, einer in meinen Augen wunderbaren Frau, dass sie einigen in Erinnerung bleibt. Auf ihre Weise hat sie viel auf der Insel bewegt.
Claudia Gehrke, Verlegerin, 23.12.2025

