Tanzverbot

Alle fünf Jahre tanzen sie. Immer zur Bajada der „Virgen de las Nieves“ treten unsere Zwerge in Santa Cruz auf. Für viele, vor allem für diejenigen, die es nicht so dolle mit der Religion haben, sind die tanzenden Zwerge der Höhepunkt der Festlichkeiten, und die Zwergenfigur ist mittlerweile zu einer Art Maskottchen der Insel geworden. In China produzierte Flaschenöffner, T-Shirts, sogar Stofffiguren gibt es in Zwergform, und wenn man die Abbildung irgendwo sieht, dann ist das für den Kenner eines der Markenzeichen für La Palma. Die Eintrittskarten für den Tanz, es gibt mehrere Aufführungen pro Tag und das noch an verschiedenen Tagen und Wochenenden, sind Ruck Zuck weg. Menschen übernachten vor der Verkaufsstelle und Kinder und Alte erfreuen sich beim Anblick der drolligen Gesellen. Natürlich haben wir das auf der Insel entsprechend vermarktet. So ein Maskottchen macht nämlich was her. Und dadurch ist die Geschichte eben auch in ganz Spanien bekannt geworden. Und genau mit dieser Bekanntheit, haben sich nu massive Probleme eingestellt. Vielleicht, wenn die Geschichte mit Lamine Yamal, der Jungstar von Barcelona nicht passiert wäre, wäre alles gut. Aber der junge Mann hat zu seinem 18. Geburtstag ein Fest gefeiert, und hat es da richtig krachen lassen. Neben dem „who is who“ an diversen Stars aus Unterhaltung und Sport, die da zu gegen waren, war auch noch eine Tanzgruppe engagiert. Das war aber keine gewöhnliche Truppe, sondern dabei handelte es sich um zwergwüchsige Menschen, die da zur Belustigung der Anwesenden aufgetreten ist. Und das hat dann entsprechend Ärger gegeben, alldieweil der Vorwurf im Raum stand, dass man sich dabei über die Kleingewachsenen beulkt hätte. Am Ende der Geschichte gab es dann sogar noch eine entsprechende Anzeige der ADEE (Acondroplasia y Otras Displasias Esqueléticas con Enanismo), also der Vereinigung von Menschen mit genetisch bedingten und anderen Arten der Kleinwüchsigkeit, die bemängelt hat, dass dies eine jahrmarkähnliche zur Schaustellung von Menschen mit Behinderung sei. Die Tanzgruppe selbst hat sich auch zu Wort gemeldet und mitgeteilt, dass sie sehr gut behandelt worden seien und es gleichzeitig auch ihr Recht sei, mit einem entsprechenden Auftritt, ihr Geld zu verdienen. Man bräuchte niemanden, der für einen sprechen würde, und sei selber „groß genug“, zu entscheiden, ob man diskriminiert fühlt oder eben nicht. Damit war die gesellschaftliche Diskussion eröffnet. Die Wogen schwappten auch in die internationalen Medien und jeder hatte eine Haltung dazu. Bislang gibt es auch noch kein Gerichtsverfahren, die Anzeige wurde zwar angenommen, aber die Mühlen der Justiz malen nun mal nicht so flott. Die gesellschaftliche Diskussion hat aber eben nun ihre Auswirkungen, und da unsere Zwerge gewissermaßen zeitgleich zu denen von Lamine Yamal getanzt haben, hat die ADEE noch eine weitere Anzeige rausgehauen und forderte ein Verbot der palmerischen Tradition. Man sehe die Art der Herabwürdigung sogar als noch gravierender an, weil eben nicht echte Zwerge auftreten würden, sondern Normalgewachsene in Verkleidung. Von einer eigenständigen Entscheidung, dass man, als Kleinwüchsiger zur Belustigung auftreten würde, könne da freilich keine Rede sein. Man sehe da Analogien zum verpönten „Blackfacing“. Trotzdem hat man sich hier auf der Insel ganz entspannt gegeben, da man sich, in Absprache mit den cabildoeigenen Juristen auf der sicheren Seite wähnte. Allerdings ist es in solchen Fällen eben nicht die lokale Politik, sondern die nationale, die sich entsprechend einbringt. Und in Madrid, da regiert ein Linksbündnis aus PSOE und SUMAR. Und die stellen nun offensichtlich das Diskriminierungsverbot weit über unsere Traditionen. Und deshalb gab es nun, zum Jahresende einen Ministerialerlass von Elma Seitz Delgado, der spanischen Ministerin für Soziale Sicherheit, Inklusion und Migration, die der Inselregierung öffentliche Aufführungen der palmerischen Zwerge untersagt. Man sehe klare Anzeichen von Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. Als öffentliche Einrichtung hätte die Gemeinde Santa Cruz de La Palma und auch die Inselregierung, eine entsprechende verfassungsbedingte Verpflichtung, dass es keinerlei Diskriminierung von irgendwelchen Gruppen in Spanien gäbe. Man erkenne zwar die Tradition an und möchte auch ausdrücklich keine böse Absicht unterstellen, aber die Zeiten hätten sich geändert. Und wenn man genau hinschaut, dann ist Inklusion in Spanien gar nicht so häufig das große Thema. Diese findet im Alltag ganz einfach statt, und letztlich ist es hier eben egal, ob jemand klein oder groß, homo- oder heterosexuell, normalbehindert ist oder eben etwas Besonderes darstellt. Alle gehören irgendwie dazu. Diese „gesellschaftliche Errungenschaft dürfte man“, laut Ministerium für Inklusion, „auf keinen Fall gefährden“, so heißt es in dem beiliegenden Schreiben, dass zur Beruhigung der nun erhitzen Gemüter, hier auf La Palma, mitverschickt wurde. Allerdings will man von der Erklärung gar nichts wissen. Hier ist die Bevölkerung und vor allem die Politik auf 180. Man verbiete sich ausdrücklich die Einmischung seitens der „linkswoken Spinner“ in Madrid, und man solle ja nicht vergessen, dass dort mit einer parlamentarischen Minderheit regiert werden würde, und man regelmäßig auf die eine Stimme der Coalicion Canarias angewiesen sei. Im Stadtparlament von Santa Cruz wird darüber diskutiert, die übergriffige Ministerin zur „persona non grata“ also zur offiziell unerwünschten Person in unserer Inselhauptstadt zu erklären, und selbst die Vertreter der PSOE stellen sich gegen die eigene Regierung in Madrid. Schließlich ist der Zwergentanz, der erstmals 1905 stattfand, integraler Bestandteil der Feierlichkeiten zur Bajada de Virgin. Und diese wiederum, ist als Ganzes mehrfach als Kulturgut von nationalem und internationalem Rang ausgezeichnet worden.  Die bildliche Darstellung der Zwerge soll übrigens weiterhin legal bleiben, nur eben die Tanzauftritte sollen nicht mehr erlaubt sein. Einige versuchen nun aber direkt pragmatisch an das Zwergenverbot heran zu gehen So gibt es bereits die Idee, dass man die tanzenden gesellen einfach umbenennt. „Los pequeños normalitos” also „die kleinen Normalen“, geistert da bereits als Idee herum. Wissend, dass man in der Bevölkerung weiterhin von den Zwergen reden wird, aber eben als Verwaltung ausdrücklich keine Tanzaufführung mit Zwergen, sondern sogar ausdrücklich mit „normalen“ veranstalten würde. Ob man mit solchen Haarspaltereien durchkommen würde, ist natürlich noch fraglich. Es kann also gut sein, dass die palmerischen Zwerge nie wieder tanzen werden.

Es kann sein, dass man diese spaßigen Gesellen, nie wieder in echt bestaunen darf. (Foto Ayuntamiento Santa Cruz de La Palma)