Heute ist es wieder soweit

Alle Jahre wieder zockt der Mob gewaltig durch Santa Cruz. Von bis zu 70.000 Feierwütigen ist da die Rede, die heute in Santa Cruz aufschlagen sollen. Das Stadion von Mensajero ist zu einem improvisierten Stellplatz für Camper umfunktioniert worden, weil es sonst auf der Ostseite keine Übernachtungsmöglichkeiten mehr gibt. Der jugendliche eigene Nachwuchs geht da auch mit den Gleichaltrigen und Gleichgesinnten hin, um entsprechend die indianische Sau raus zu lassen, was für mich komplett in Ordnung ist. Obwohl mir weder Großveranstaltungen noch organisierte Feierlichkeiten zusagen und deswegen, werden wir, die Zurückgebliebenen, dem Wegfall des Windes sei es gedankt, heute Abend entspannt grillen. Währenddessen spuckt mir Hartmut Engler, auf der Suche nach den Indianern durch den Kopf, der in besagtem Lied seiner Kindheit nachtrauert. Wohl im selben Maß, wie er heute seinen jüngeren Jahren, als er diesen Kitschquatsch zusammengeschustert hat, hinterherweint.

Das wilde Gepuder ist auch längst kein Alleinstellungsmerkmal von Los Indianos mehr. Längst haben andere Gemeinden auf den Kanaren das adaptiert, weil, wenn etwas gut läuft, dann kopiert man das. Die vor einigen Jahren noch kleine und bunte Puderrei in Los Llanos ist längst auch in den entsprechenden Gigantismus ausgeartet, und da hat man in den letzten Jahren auch schon die große Kanone ausgepackt, um alle schon einzunebeln. Deswegen kann man sich nun am Samstag im Westen die Weste weiß machen und dann am Montag nochmal in Santa Cruz. Noch ein paar Jahre, dann ist das auch offiziell Tradition, und die Bedeutung von Los Indianos verkommt in ein Fest, wie jedes andere auch. Dabei hat die Geschichte mit den weißen Klamotten ja eine Bedeutung. Mann macht sich da über die reich gewordenen Rückkehrer, die in schlimmen Zeiten nach Südamerika über den großen Teich gefahren sind lustig. Erst bettelarm und illegal, auf der Suche nach einem besseren Leben von der Insel weg, und nun später mit dicker Hose, Panamahut, Diener, Zigarre und Geldscheinen bewaffnet wieder nach La Palma zurückgekehrt. Zwar gibt es Los Indianos erst seit den 1960er Jahren, das Fest in dieser Form ist aber eben ein ironischer Ausdruck auf unsere eigene Geschichte, die stehts von Wanderbewegungen zwischen Südamerika und der Karibik, und den Kanaren bestanden hat und schon im 16 Jahrhundert ihren Anfang mit der Kolonisierung fand. In der momentanen globalen Situation, sei es die Migrationsbewegung, oder auch die momentane Lage in Venezuela und die familiäre Verbundenheit vieler Palmeros dort hin, ruft heute ein Artikel in der Onlineausgabe von la-palma-ahora.es, den Grund für dieses traditionelle Fest wieder ins Gedächtnis, verbunden mit der Erinnerung, dass nun wir Menschen, auf der Suche nach einem besseren Leben aufnehmen würden, und dass es deshalb wichtig sei diesen Menschen mit Empathie zu begegnen, gerade weil wir hier selbst eine Geschichte von Migration und Rückkehr unser Eigen nennen.

Heute sind aber nicht nur die Indianer in Santa Cruz. Es sind auch drei richtig große Kreuzfahrtpötte gerade im Hafen. Und das verspricht nun auch ein wenig spannend zu werden. 5.300 Passagier sind da angelandet, und man darf gespannt sein, inwieweit diese von der Reiseleitung entsprechend instruiert wurden, was da heute passieren wird. Vor Jahren stand La Palma immer am Dienstag auf der Kreuzfahrtroute, das bedeutete, dass die Gäste da immer am Tag danach ankamen. Alles war geschlossen und es roch auch eher unangenehm in den Gassen der Altstadt nach Harnstoffen und Erbrochenem. Das war freilich keine gute Werbung für die Insel und man hat mit den Kreuzfahrtunternehmen verhandelt, dass es doch eben geschickter wäre, wenn die zu den Feierlichkeiten hier anlanden würden. Traditionell bekommen diejenigen, die nicht in weiß erscheinen, besonders viel Puder ab, und deshalb ist der Kreuzfahrende Besucher, da natürlich ein potentielles Opfer für übermütige Angreifer. Deshalb hat man schon in der Vergangenheit dazu aufgerufen, da doch bitte Zurückhaltung walten zu lassen. Man weiß ja schließlich nicht, wer von den gutbetagten Gästen asthmatisch daherkommt.