Feiertag

Heute ist Feiertag. Der wichtigste auf den Kanaren. Am 30.Mai ist nämlich kanarischer Nationalfeiertag. Lang ist die Tradition noch nicht. Dieser Tag ist das Datum der ersten Sitzung des kanarischen Parlaments 1983, nachdem die Inseln im Jahr zuvor den Autonomiestatus erhalten hatten. So gesehen ist der Tag hochpolitisch, weil ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bewohner sich in erster Linie als Canario und erst dann als Spanier definiert. Auf Madrid zu schimpfen, dass die sich nicht für uns und unsere Belange interessieren würden, gehört zum guten Ton. Zuletzt, als man der Ansicht war, dass die uns mittels schwimmender Ratten alle der Vernichtung durch den Hantavirus aussetzten wollten. Mir ist die ganze Geschichte mit Nationalismus nicht nur fremd sondern auch befremdlich. Dabei ist mir das auch schnuppe ob das nun der kanarische der spanische oder gar der deutsche ist. Wobei ich natürlich allen Menschen irgendwie ihre kulturellen Traditionen und Eigenheiten zugestehen kann. Schließlich werden bei uns auch noch regelmäßig die Spätzle von Hand geschabt, und, auch wenn wir mittlerweile die spanische Staatsbürgerschaft beantragt haben, können wir unsere eigenen Wurzeln, sprich die Sozialisation, die wir genossen haben, nicht wirklich verleugnen. Und das ist auch überhaupt nicht schlimm. Unterschiede können ja auch von Vorteil sein. Wenn also heute, wie bereits die gesamte Woche, entsprechende Musik gespielt wird, getanzt wird und kanarisch gegessen wird, dann ist das auch ganz fein. Das mit dem Essen ist sowieso ganz wichtig. Selbst das Krankenhaus hat eine Pressemitteilung rausgegeben, in dem das Menu, welches die Patienten heute genießen dürfen aufgelistet ist. Und, oh Wunder: Gofio ist dabei.

Dass man sich selbst feiert, seine eigene Kultur und Eigenschaften, das sei nun wirklich gegönnt. Schließlich benötigt man ja auch zum einen Grund zum Feiern, und meist auch irgendwas zur Selbstdefinition. Wer ein einem Definitionsdefizit leidet, der greift dann eben ganz gerne zur nationalen Identität. Jetzt kommt aber wieder die Geschichte mit der eigenen Sozialisation ins Spiel. Wenn man die Politikerreden gerade anhört, dann geht es eben nicht nur um kulturelle Geschichten, sondern auch um eine gewisse Blut- und Bodenrhetorik. Und wenn man eben deutsch sozialisiert wurde, dann weckt das ganz ekelhafte Assoziationen bezüglich der Geschichte. Ich kann das mit dem „Stolz“ auf Land uns Abstammung nicht nachvollziehen. Da kann man schließlich persönlich nichts dafür. Auch der Bezug zur genetischen Verwandtschaft, wirkt nüchtern betrachtet etwas hilflos. Klar haben die hier Gene aus vorspanischer Zeit in sich. Die Definition, dass die Spanier aber als Eroberer hier ankamen und man selber, wegen der genetischen Verwandtschaft ja Eroberter sei, blendet dann eben aus, dass man im eigenen Körper auch einen Löwenanteil von Erobererblut hat. Auf dem Weg ein „wir gegen die“ zu schaffen geht also nicht auf.

Allerdings ist die Gesellschaft ja gleichzeitig entsprechend offen. Trotz der Geschichte mit der genetischen Abstammung, die irgendwie immer wieder zur Sprache kommt, klappt das mit der Integration der Ausländer ja ganz prima. Der eigene Nachwuchs gehört bei den nationalen Feierlichkeiten ganz klar zum festen Inventar. Da geht man in Tracht in die Schule, führt Tänze auf, oder lässt sich, ob der dürren Statur, beim Lucha Canaria binnen Sekunden zu Boden ringen. Aber man ist Teil des Ganzen, inklusive Flagge hissen zur kanarischen Hymne. Unsere Abkömmlinge sehen sich ja auch selbst eher als Palmeros und nicht als deutsch, beziehungsweise ist denen das alles herzlich egal. Die haben eher keine Lust auf Folkloreveranstaltungen und alberne Kostüme. Das mit dem Stolz auf Herkunft ist denen aber fremd. Und auch wenn hier viele an einem Tag wie heute irgendwie Stolz auf irgendwas sind, merkt man als Zugezogener das im Alltag nicht wirklich, sondern wird ganz gut in die Gesellschaft integriert. Das mit der Integration funktioniert hier tatsächlich beidseitig. Dass man sich jedoch darüber freut hier geboren zu sein, ist dagegen nachvollziehbar. Andere mussten sich da, mit Mitte 30, mühsam mit einem Container auf den Weg machen, um hier anzukommen.