Leise rumpelt die Tür

Der Erkenntnisgewinn der heutigen Pressekonferenz fiel leider dünner aus, als wir gehofft hatten. Auf die Frage, was da denn gestern passiert war, kam zumindest keine erhellende Antwort. Man schaut sich mal wieder die Entwicklung an, um zu beobachten, ob das jetzt nochmal so passieren könnte. Im Prinzip war das alles gar nicht so wild, wenn man bedenkt, was wir mit dem feuerspeienden Aas schon alles erlebt haben. Nur ging es in der letzten Zeit eben recht gemächlich zu und nun plötzlich solche Explosionen, die eine Aschesäule von bis zu 6.000m verursacht, überlaufende Lava und Pyroklasten mit Lavabomben das hatten wir doch gefühlt schon lange hinter uns gelassen. Erneut weiß man überhaupt noch nicht, wo man gerade eruptionstechnisch steht. War dieser strombolianische Exzess jetzt nur eine kleine Ausnahme oder geht das jetzt gerade so weiter. Das nervigste daran ist, dass man sich schon selbstgewiss als den großen Vulkanversteher sieht, weil man die letzten Wochen das Ausbruchsgeschehen mit den Daten abgeglichen hat und nach Mustern sucht. Das klappt ja auch im Kleinen ganz prima, aber dann gibt es eben solche Sachen wie gestern, die sich überhaupt nicht ankündigen. Keine Deformation und auch keine Erdbeben haben auf einen plötzlichen Druckanstieg im Vulkan hingewiesen. Der Tremor geht gummiballartig hoch und runter und seit heute Vormittag ist er wieder im niedrigen Bereich angelangt aber noch immer nicht zur Ruhe gekommen.

Für Hoffnung, dass sich der Kerl eben gerade, stark hustend, inklusive Auswurf, das letzte Mal aufbäumt, um dann endgültig alle Viere von sich zu strecken, ist eher gering. Erstens, weil man dem Burschen generell nicht trauen kann und zweitens, weil es heute Nachmittag in der oberen Kammer wieder etwas zu beben begonnen hat. Alles weit weg von vergangenen Zeiten, aber dennoch genug um zu glauben, dass da noch genug Magma fließt, das eben die Beben auslöst. Wobei nach wie vor kaum tiefe Beben zu verzeichnen sind, was die Gesamtsituation dann ganz positiv darstellt. Die Frage bleibt also erstmal, wie groß die Magmakammer da oben eigentlich ist und vor allem wieviel da noch raus muss, bis der Druck niedrig genug ist. Das alles immer unter der Voraussetzung, dass von weiter unten nichts mehr nachkommt. Die Antwort darauf gibt es, daran müssen wir uns eben gewöhnen, erst im Nachgang.

Momentan ist es still am Berg. Die Phase gestern als strombolianisch bezeichnet wurde, dann ist die noch nicht ganz vorbei. Das Hauseigene Messgerät, unsere Haustüre, ist nämlich noch in Bewegung. Man hört sie ab und zu etwas rumpeln. Kleine Druckwellen reichen bei dem sensiblen Türchen schon aus. Und da es gerade keinen Wind gibt, ist die Ursache eindeutig. Der fehlende Wind bleibt auch das Problem und sorgte heute Vormittag für die schlechtesten Luftwerte, die wir hier in El Paso bislang hatten. Der Geruch, nach einer Mischung aus Neujahr und nicht frischem Ei, war am Vormittag extrem, dazu kam dann noch ein sehr feiner Aschestaub in der Luft, der das ganze wie eine Glocke in Bodennähe gehalten hatte. Nach 9 Uhr gab es dann die Meldung, dass das gesamte Aridanetal eine Ausgangssperre aufgebrummt bekommt, das ganze rückwirkend am 8 Uhr und solange, bis die Luft wieder besser ist. Das war dann eher etwas unglücklich gelöst, weil die Kleinen ja schon in der Schule waren. Das ganze um 8:30 Uhr, da war schon Ausgangssperre, nur keiner wusste davon. Und weil jetzt eben auch keiner wusste, wann der Zeitpunkt erreicht war, dass man wieder vor die Tür durfte, liefen die besorgten Mütter Sturm. Die Schule vermeldete dann direkt, dass alle OK sei, und die Kinderchen heute eben drinnen bleiben mussten und man das covidiale Lüften heute mal vernachlässigen würde, aber von höherer Stelle ging dann die Meldung raus, dass man die Kinder, solange es keine Entwarnung geben würde, auch nicht abholen könnte. Sprich der Schultag drohte entsprechend länger zu werden, was die Stimmung im Klassenchat meiner Tochter noch zusätzlich angefacht hat. Die Sonne hatte dann aber ein Einsehen und hat nach und nach für eine Thermik gesorgt. Das Stinkezeug hat sich in höhere Luftschichten verabschiedet, und wir alle durfte um 13 Uhr wieder raus. Das reichte dann auch um die Kinder eine halbe Stunde später vom Colegio ab zu holen.

Morgen soll es dann wieder etwas Wind geben. Allerdings dreht der Stück für Stück auf West, sagt die Wetterprognose. Das bedeutet, dass es morgen in El Paso nochmal Asche geben könnte, wobei auch die Frage ist, ob da jetzt Asche oder Dampf aus dem Kessel kommen wird, und im Anschluss wird das Zeug dann gen Osten getragen. Diese Windrichtung könnte dann auch ein wenig anhalten, was dem Flughafen das ein oder andere Problem bereiten würde.


Und nachdem ich meinen Text fertig habe und noch schnell die neuste Tremorgraphik von der Seite des IGN runtergeladen habe, stelle ich fest, dass der Gummiball wieder da ist. Der Kontrollgang nach draußen lässt einen nichts erkennen, da sind zu viele Wolken, aber der Düsenjet ist zurück. Auf unsere Haustüre ist Verlass.